Deutschland ein Land der Schlichter und Stänker.

Geschrieben am von Marlon Melzer

Deutschland das Land der Dichter und Denker. Es war einmal vor langer Zeit … Vor über einem Jahrhundert galt Deutschland als Weltexporteur der wortgewandten Sprachkunst. Ob Goethe, Schiller , Kafka und ko. Deutschland blühte voller kreativer Lyrik. Reime, Verse und Wortfetzen erfüllten die Seelen der Schreiber und Leser. Doch was ist von dieser wundervollen Resonanz […]

Deutschland das Land der Dichter und Denker.

Es war einmal vor langer Zeit …

Vor über einem Jahrhundert galt Deutschland als Weltexporteur der wortgewandten Sprachkunst. Ob Goethe, Schiller , Kafka und ko. Deutschland blühte voller kreativer Lyrik. Reime, Verse und Wortfetzen erfüllten die Seelen der Schreiber und Leser.

Doch was ist von dieser wundervollen Resonanz nach über hundert Jahren noch übriggeblieben?

Verstaubte Meisterwerke. Heutzutage ist die Meisterkunst des Wortes ein brotloses Werk ohne Schiff. Wir bauen keine Wortschiffe mehr und gehen kaum noch Abenteuerreisen unserer Sprache und ihrer Worte ein. Wir sind ein Volk geworden, das volksam ist, sich jedoch nicht mehr als Pionier, als Co-Creator, wie man heute sagt, erfährt.

Wir sind Sicherheitsjunkies geworden, weil unser rationaler Zeitgeist den Freigeist gefressen hat.

Wir kaufen lieber klare Storys des Verstandes, als dass wir selbst mystische Geschichten unserer Intuition lesen oder gar schreiben …

Energie folgt der Aufmerksamkeit.

Und ja, heute ist unsere Aufmerksamkeit nicht mehr bei kreativer Lyrik zu finden! Wir fressen lieber Steven King oder rattern uns Rosamunde Pilcher durch die Nase. Immer schön traurig oder immer schön freudig. Aber vor allem dabei stets Eines, immer schön verständlich! Damit bloß nichts offen bleibt. Die bunte Welt der Metaphern ist uns Großstadtphilosophen wahrscheinlich während einer Wissenschaftsstudie in Oxford verloren gegangen.

Wir erlauben uns in unserer sicherheitsfanatischen Welt natürlich keine Abenteuer mehr.

Ich werde immer wieder von Mitmenschen darauf hingewiesen, dass sie Fehler in meinen Texten finden. Das macht mich stolz!

Wir trauen uns doch heute keine Fehlerkultur mehr zu leben. Das Perfekte hat über das Fehlerhafte gesiegt und die Leiche, die es nun zu betrachten gilt, nennt sich „Kreativität.“ Die genialsten Erfindungen, die krassesten Bilder, die wundervollsten Schöpfungen sind aus der Resonanz des Fehlers entstanden.

Wenn unser Verstand uns diese nicht mehr zu gestehen will, wie soll dann Kreativität wiederbelebt werden?

Wir sind keine Dichter und Denker mehr, wir sind Schlichtern und Stänker!

Bloß alles gleich machen, schlicht schön, wie die Anderen. Schön professionell. Schön sauber und sorgfältig. Und wenn jemand mal einen kreativen Fehla macht, immer schön stänkern. Die preußische Schule als unser Gefängnis der mutigen Kreation.

Was würden Goethe und Schiller eigentlich in der heutigen Zeit machen?

Sie würden immer noch schreiben, weil ihre Professionalität ihre Profession ist. Doch würde sie damit heute kein Geld mehr verdienen. Zu wenig Tote in Texten, zu unverständliche Worte, zu verrückte Sätze, zu unpräzise, zu fehlerhaft, zu ungenau du Wortsau!

Wer hat heute noch die Zeit sich dem hinzugeben? Wir schenken uns lieber einen ein oder die Zeit etwas Anderes zu konsumieren. Anstatt unseren Freigeist zu nähren, besaufen wir lieber seinen Spirit in uns.

Und wo sind überhaupt die Frauen?

Heute kannst du die Goethin und die Schillernde mit der Nadel im Scheuhaufen suchen. Jeder scheut sich mal was anders zu machen.

„Alle lachen, weil ich anders bin. Aber ich lache oft, weil alle gleich .“

Warum ich Rechtschreibfehler mache und sie in meinen Texten auch noch bewusst stehen lasse, werde ich gefragt?

„Das gehört sich nicht als Kommunikationstrainer!“

Die Rechthaberei über die Rechtfertigung der Rechtschreibung ist zwar ein reales Recht, doch hat es nur eine einzige Richtung, den Tod. Die Lebendigkeit der Lyrik kennt nicht nur eine Richtung. Sie orientiert sich an Gefühlen, Ideen, Impulsen, Verrücktheiten und bunten Erlebnissen. Das Ausleben unserer Fehler nicht aber das Töten ihrer. A propos töten. Wir töten ja so gerne kreative Missgeschicke.

Eine Metapher.

Wenn kreative Worte unsere Schlachtschiffe wären, dann wäre unsere Schlacht längst verloren, bevor die Reise überhaupt beginnt.

Der Fehler als heißestes Eisen unserer Wortschmiede ist abgekühlt, weil die Hitze der Hektik aus dem goldenen Fluss eine trockene Düne gemacht hat. Eine Düne der Dualität, in der Goethe anscheinend das „Alles“ war und nach ihm irgendwie „Nichts“ mehr kam. So fühlt es sich zumindest an.

Doch zwischen der dualen Düne des „Alles oder Nichts“, wartet immer noch eine lebendige Bühne des „etwas versuchen, etwas probieren, etwas neu beginnen, etwas schöpfen.“ auf uns Menschen.

Doch wenn wir als Gesellschaft lieber Chips vorm TV essen oder den Aufsatz der Lütten fein säuberlich berichtigen, dann ist der Tod der Lyrik ja nur das reale Abbild unserer mangelnden Aufmerksamkeit.

Energie folgt der Aufmerksamkeit und das Angebot der Nachfrage.

Die Nachfrage bestimmt das Angebot? JA! Und keiner fragt doch mehr wirklich nach, ob es noch große Lyriker Lyrikerinnen unserer Epoche gibt oder? Selbst wenn es so wäre, wen interessiert`s?

Ich bin nicht Goethe und auch nicht Schiller, heiße nicht Kafka oder Kästner doch fühle ich mich berufen. Berufen der Worte und ihrer Kunst durch uns wieder ein schillerndes, göttliches Antlitz zu verleihen. Ich freue mich auf viele Mitwirkende, die auch mutig genug sind, sich nicht nur mit ihren Fehlern zu zeigen, sondern sie auch für etwas ganz besonders Perfektes zu nutzen, unsere Lebendigkeit …

Auf diesem Wege bin ich mit mir und gerne auch mit dir.

Marlon Melzer

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